Die Helios-Chronik mit Ausblick

Von der Tanke zum runden Tisch

Der Leuchtturm der Helios-Werke ist das Wahrzeichen von Ehrenfeld. Er steht für den technologischen Modernisierungsschub, den die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts auslöste.

Als stolzer Werbeträger gebaut, überdauerte er 1905 den Niedergang der Helios-Elektricitäts AG ebenso wie später die Kölner Sechs-Tage-Rennen und Nazikundgebungen in der benachbarten Rheinlandhalle. Im Krieg büßte er zwar sein Leuchtfeuer ein, doch seiner Bedeutung als weithin sichtbares Industriedenkmal wurde Mitte der 1990er Jahre durch eine neue Lichtkuppel Rechnung getragen.

Seitdem leuchtet er wieder und weist den Weg in einen Stadtteil, der den Strukturwandel vom Industriestandort zum gefragten Quartier von hoher urbaner Lebensqualität geschafft hat. Ehrenfeld gilt als Topadresse für innovative Unternehmensideen und Kultur.

Von ähnlicher Bedeutung sollte eigentlich auch das übrige Gelände der ehemaligen Helios-AG sein. Doch, trotz perfekter Lage mitten im Zentrum Ehrenfelds, kümmert das Areal zwischen Gürtel und Heliosstraße als städtebauliches Desaster seit Jahrzehnten dahin. Anlässlich der Erstellung des Leitbildes für Ehrenfeld, im Jahr 2002, waren sich alle Beteiligten einig, dass hier das größte ungenutzte Potenzial des Stadtteils verschwendet wird.

Im Jahr 2005 bestand plötzlich die Gefahr, dass der Bau einer Tankstelle an der Ecke Vogelsanger Straße / Gürtel weitere Investoren auf lange Zeit abschrecken würde. Die städtebauliche Katastrophe wäre perfekt gewesen, denn die Tanke wäre nichts anderes als ein Supermarkt mit 24-stündiger Öffnungszeit geworden – mit allen negativen Auswirkungen auf das Bezirkszentrum, die man sich denken kann.

Thematisiert wurde dies von der Ehrenfelder SPD, auf deren Antrag hin die Bezirkvertretung Ehrenfeld einstimmig beschloss, dass die Tankstelle mit allen gebotenen Mittel zu verhindern sei. Doch dem politischen Willen setzt das Baurecht Grenzen. Zum Zeitpunkt des Bauantrages wäre das Vorhaben noch genehmigungsfähig gewesen.

Die SPD-Fraktion in der BV legte dann im August 2005 nach und beantragte für das Gebiet einen Bebauungsplan. Ziel sollte eine hochwertige Ergänzung zur Aufwertung des Bezirkszentrums Venloer Straße sein. Einstimmig haben BV und Stadtentwicklungsausschuss dem zugestimmt.

Ein Grund für diese kritische Entwicklung war, dass die Errichtung eines neuen Bezirksrathauses Ehrenfeld Ende der 1980er Jahre an der damals neu entdeckten Altlastenproblematik gescheitert war. Da die Entsorgung des kontaminierten Erdaushubs sich als zu kostspielig erwies und ein Rathaus ohne Keller und Tiefgarage keinen Sinn gemacht hätte, wurde der Neubau abgeblasen.

Die Aufhebung des ehemals hierfür aufgestellten Bebauungsplanes zog Schadensersatzforderungen derer nach sich, die ihre privatwirtschaftlichen Interessen durch die Stadt Köln behindert sahen. Die juristische Aufarbeitung endete in einem Vergleich.

In der Folge entstand plötzlich und ohne Vorankündigung ein Wellblechkasten, dessen Straßenseite eher eine Hofansicht darstellt und in dem eine Fastfood-Kette Burger verkauft. Aus dem Speiseraum blickt König Kunde in Richtung Vogelsanger Straße auf besagtes städtisches Grundstück mit seinen Altlasten.

Einen neuen Impuls bekam das Ganze erst, als es der Bauwens-Gruppe unter der Führung des Unternehmers Paul Bauwens-Adenauer gelang, der alten Eigentümerin, der „Helios Immobilen Verwaltungs GmbH“, die ihrem Namen alle Ehre machte, deren große Teile des Geländes abzukaufen. Gleichzeitig beendete Bauwens-Adenauer, der auch Präsident der IHK ist und der Stadt einen Masterplan für die Kölner Innenstadt ermöglicht hat, als unbeteiligter Dritter, auch den Konflikt um das Tankstellenprojekt.

Da in dieser neuen Chance auch Gefahren lauerten, reagierte die Bezirksvertretung Ehrenfeld umgehend, indem sie auf Antrag der SPD-Fraktion die Verwaltung mit der Erstellung eines Verträglichkeitsgutachtens beauftragte. Denn eines war sofort klar: Der erste Gedanke eines Bauherrn an dieser Stelle wird ein Einkaufszentrum sein! Daher sollte der Schwerpunkt der Untersuchung darin liegen zu erfahren, welche Nutzungen dem Bezirkszentrum förderlich sein können, welche verträglich sind und welche schädlich wären.

In der ersten Fassung, des im Frühjahr 2010 veröffentlichten Gutachtens, wird unter dem Titel: „Potenzialanalyse
für ergänzenden Einzelhandel im Bezirkszentrum Köln-Ehrenfeld
unter besonderer Berücksichtigung der Potenzialfläche Helios
“ die hohe Bedeutung des Areals für das Bezirkszentrum Ehrenfeld bestätigt.

Es wird geraten, mit entsprechender Sensibilität die Entwicklung des Helios-Geländes zu betreiben. Bezogen auf den Einzelhandel wird zu Sortimenten des mittelfristigen Bedarfs wie höherwertige Textilien, Elektroartikel und Freizeit-/Hobbybedarf geraten. Ergänzend zu den auf der Venloer Straße zur Verfügung stehenden kleineren Ladenlokalen seinen großflächigere Einheiten sinnvoll. Insgesamt dürfe eine Gesamtfläche von 17.000 qm aber nicht überschritten werden. Weitere zentrenrelevante Nutzungen werden zwar angeregt aber nicht näher erläutert. So weit – so gut.

Leider haben sich die Autoren dazu hinreißen lassen, im Nachgang noch zwei Ergänzungen anzufügen, die unverständlicherweise gleichzeitig mit dem Kerngutachten veröffentlicht wurden, und dieses damit unnötig in Misskredit gebracht. Darin wird augenscheinlich den Ansprüchen der zwischenzeitlich gegründeten „Projektentwicklung Ehrenfeldgürtel GmbH & Co. KG“ genüge getan. Zu dieser gehört auch die Entwicklungsgesellschaft MFI („Köln-Arcaden“).

Urheber: SuperbassAus maximal 17.000 qm werden erst 19.600 qm und später 20.600 qm Verkaufsfläche. Das ist zwar deutlich weniger als die von MFI angestrebten 30.000 qm, aber dennoch zu viel – zumindest für die engagierte Öffentlichkeit, die sich, ausgelöst durch diese veröffentlichten Zahlen, zu Wort meldete. Es war die Geburtsstunde der Bürgerinitiative Helios.

Auf der Informationsveranstaltung, von der Bezirksvertretung am 15. September 2010 kurzfristig organisiert, schlug den Investoren der geballte Unmut nicht nur der um die Location „Underground“ bangenden Partyszene entgegen. Auch der städtische Baudezernent hielt mit seiner Kritik an MFI nicht hinterm Berg. Mit ihm werde es keine zweiten Kalker „Köln-Arcaden“ in Ehrenfeld geben. Insgesamt wurde deutlich, dass nur eine frühzeitige Bürgerbeteiligung zu einer konsensfähigen Lösung führen würde.

Auf Antrag von SPD und Grünen beschlossen Bezirksvertretung und Stadtentwicklungsausschuss wenige Wochen danach, in enger Abstimmung mit der inzwischen kompetent aufgestellten BI Helios, ein moderiertes Verfahren zur Vorbereitung des von allen – auch dem Investor – gewünschten städtebaulichen Planungswettbewerbes.

Damit sind die Weichen gestellt für bürgernahes Planungsverfahren mit einem privaten Investor, das bisher bundesweit einmalig ist und möglicherweise beispielhaft für eine Demokratisierung der Bauleitplanung sein wird.

Wenn die Akteure ihre Verantwortung konstruktiv annehmen, könnte es nicht nur gelingen, das Heliosgelände seiner zentralen Bedeutung für Ehrenfeld entsprechend zu entwickeln – sondern auch den Planungsprozess, als „Leuchtturm“ zu gestalten.

Martin Schulz!

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